Kriterien für eine geistliche Zusammenarbeit

Eine mögliche Hilfestellung für das Gemeindeleben und andere zwischenmenschliche Beziehungen

Manfred Gehann, Dr. Reiner Miedel, Mathias Nell, Thomas Roser, Dr. Axel Schwaiger

 

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kriterien

I Heilsnotwendige Lehren

II Fundamentale Lehren

III Wichtige Lehren

IV Weniger wichtige Themenbereiche

3 Schlusswort

 

1.Einleitung

Der Umgang mit Brüdern und Schwestern

Wie gehen wir als Christen miteinander um? Wie können wir als verschieden veranlagte und (von Gott her) unterschiedlich begabte Geschwister möglichst fruchtbar miteinander arbeiten?

Die folgenden Zeilen sind als Hilfestellung für Gemeinden und auch für einzelne Geschwister gedacht, um Streitereien und Gemeindespaltungen zu vermeiden. Es geht dabei nicht darum, starre Regeln oder gar ein Dogma zu erstellen. In unseren täglichen zwischenmenschlichen Beziehungen brauchen wir jedoch Richtlinien, die wir berücksichtigen können, gerade dann, wenn jemand eine andere Meinung vertritt als man selbst. Verschiedene Fragen, Themen, Lehren und Lebensbereiche müssen unterschiedlich gewichtet werden, wie es die Bibel selbst auch tut (so z.B. Paulus in seinen Briefen an die Korinther).

Verurteilen oder Beurteilen?

Als Christen ist es nicht unsere Aufgabe, über den Glauben anderer Christen zu richten. Uns fehlt dazu die biblische Legitimation. Doch besteht ein großer Unterschied zwischen dem VER-urteilen einer Person und dem BE-urteilen einer Sache. Ersteres dürfen wir nicht, letzteres jedoch ist uns geboten! Gott hat uns mit seinem Wort ein Werkzeug an die Hand gegeben, mit dem wir Reden, Taten und Auswirkungen ("Früchte") beurteilen können und sollen. Die Scheu vor dem Richten darf nicht zu einer falschen Toleranz führen. Es geht uns darum, das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe am besten in die Praxis umzusetzen. Und hierbei ist uns das Wort Gottes die beste Hilfe!

Wo sind die Grenzen?

Der Maßstab für das Beurteilen ist die Heilige Schrift, das Wort Gottes. Wo setzt uns nun dieses Wort Grenzen? Wo kommen wir an unsere eigenen Grenzen? Wo konkret dürfen wir Toleranz üben, wo müssen wir Kompromisse machen und wo dürfen wir das nicht tun? Das führt uns im einen oder anderen Fall bis hin zu der Frage, wann man sich von seiner Gemeinde trennen muss und wann man das nicht darf.

Eine einfache Einteilung

Bei der Beschäftigung mit diesen wichtigen Themen fanden die Autoren zu einer Einteilung, die bei der Beurteilung dieser Fragen hilfreich sein kann. Wir haben vier Bereiche unterschieden, mit den entsprechenden praktischen Konsequenzen.

Es geht uns hierbei nicht um Vollständigkeit, sondern darum, ein Grundgerüst zu erstellen. Dieses Grundgerüst soll dabei helfen, im persönlichen Glaubensleben und auch im Gemeindeleben Klarheit über bestimmte Streitfragen zu gewinnen. Insbesondere geht es um die Frage, wie wir miteinander umgehen, wenn jemand - der sich Bruder oder Schwester nennt - ein bestimmtes Thema anders gewichtet.

Das Ziel

Das Ziel ist, zu einer gemeinsamen Sicht der Dinge zu kommen. Toleranz um jeden Preis ist mit dem Evangelium nicht vereinbar. Was aber, wenn in verschiedenen Fragen keine Einigkeit da ist? In nicht heilsnotwendigen und nicht fundamentalen Fragen haben wir auch eine gewisse Freiheit, die wir in Liebe und gegenseitiger Wertschätzung leben sollten, ohne in Streitereien oder Rechthaberei zu verfallen. Hier sind wir also besonders gefordert, das umzusetzen, was uns Paulus im 14. Kapitel des Römerbriefes über den Umgang von "Schwachen" und "Starken" im Glauben schreibt. Wir empfehlen, folgendes zu beherzigen: In heilsnotwendigen und fundamentalen Dingen Einheit, in wichtigen Dingen Freiheit, in weniger wichtigen Dingen Toleranz, in allen Dingen aber: Liebe!

2.Kriterien

Und dies sind nun die vier Bereiche samt den jeweiligen praktischen Konsequenzen:

I.Heilsnotwendige Lehren

Ia) Christologie: die Lehre über die Gottheit und das Wesen und das Werk Jesu Christi.

Ib) Soteriologie: die Lehre darüber, wie ein Mensch gerettet wird, also: die Lehre über das Evangelium der Gnade, Buße, Glaube, Wiedergeburt, die Auferstehung und das ewige Leben.

Konsequenz aus I: Nur wer diese Lehren anerkennt, wer sich also dazu bekennt, dass Jesus Christus Gott ist, der Mensch verloren (also tot) ist und nur durch den Glauben an Jesus Christus gerettet und lebendig gemacht werden kann (das reformatorische "sola fide"!), der kann "Christ" im biblischen Sinn genannt werden. Nur in diesem Fall ist eine geschwisterliche Gemeinschaft möglich. Wer diese heilsnotwendigen Lehren nicht anerkennt, hat den Geist Christi nicht und kann nicht Bruder bzw. Schwester sein.

II.Fundamentale Lehren

IIa) Die Lehre über die Inspiration und die Irrtumslosigkeit und das Anerkennen der göttlichen Autorität der gesamten Bibel (sie allein ist der verbindliche Maßstab für Lehre und Leben - "sola scriptura").

IIb) Die Lehre über Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist - den EINEN Gott.

IIc) Der Glaube an die leibliche Wiederkunft Jesu Christi.

Konsequenz aus II: Mit jemandem, der IIa und IIb nicht anerkennt bzw. IIc nicht bekennt, ist eine Zusammenarbeit auf geistlichem Gebiet nicht möglich. Wenn in einer Gemeinde diese fundamentalen Lehren (von der Gemeindeleitung) nicht vertreten werden, ist ein Austritt geboten.

III. Wichtige Lehren

Hier beginnt der Bereich, wo wir ohne Anspruch auf Vollständigkeit nur beispielhaft nennen möchten:

Die Lehre über das Abendmahl; die Taufe; das Wirken des Heiligen Geistes bei der Bekehrung, im Leben der einzelnen Gläubigen und in der Gemeinde; Heilsgewissheit und die Frage, ob ein Christ sein Heil wieder verlieren kann; Heiligung; allgemeines Priestertum; die Lehre über die Gemeinde; Gebet und Fasten; Israel und die Gemeinde; Verständnis der biblischen Urgeschichte; Gottes Heilshandeln in der Geschichte; die Lehre über die zukünftigen und die letzten Dinge; Mann und Frau in der Gemeinde; Scheidung und Wiederheirat ...

Konsequenz aus III: Bei weitgehender Übereinstimmung in solchen Punkten, die als wichtig einzuschätzen sind, ist eine fruchtbare geistliche Zusammenarbeit möglich. Ein Gemeindeaustritt ist in diesem Fall nicht geboten. Wenn allerdings in vielen dieser wichtigen Lehrfragen Uneinigkeit herrscht, ist ein Gemeindeaustritt möglich. Ein solcher Schritt sollte jedoch nicht im Streit oder willkürlich erfolgen, sondern mit gegenseitigem Respekt.

IV. Weniger wichtige Lehren

Zum Beispiel: Ansichten, Meinungen und Überzeugungen über das Enthalten von bestimmten Speisen und Getränken; Einhalten von bestimmten Feiertagen; Traditionen in der Gemeinde; Kleidung, Schmuck und Kopfbedeckung; Verhältnis des Christen zum Staat; Umgang mit Geld, Unterhaltungsmedien und Freizeitgestaltung ...

Konsequenz aus IV: Hier ist eine Zusammenarbeit auf geistlichem Gebiet möglich, wenn auch nicht unbedingt fruchtbar. Ein Gemeindeaustritt ist nicht geboten. Meist ist es eines Streites nicht wert. Hier besteht vor allem die Gefahr, dass einer Sache ein Wert beigemessen wird, den sie nicht hat.

3.Schlusswort

Echtheit, Stärkung, Abgrenzung

Nach dem Wort Gottes (z.B. Jak.2; Tit.3,8) ist der christliche Glaube nur dann authentisch, wenn der Gläubige nicht nur biblisch redet, sondern auch so lebt, dass er dem Wort Gottes gehorsam ist. Die weltweite Gemeinde (der Leib Christi) soll durch interne Querelen nicht geschwächt werden. Unsere Feinde (der Teufel, die Welt, das Fleisch) setzen uns durch Verführung, Anfechtung und Verfolgung schon genug zu. In dieser Situation wollen wir es lernen, die Freiheit, zu der wir berufen sind, in gottgefälliger Weise zu leben. Dabei wollen wir uns von zwei Extremen abgrenzen: von einer grenzenlosen Toleranz einerseits und von einer modernen Art von Gesetzlichkeit andererseits. Möge Gott uns dabei helfen. Unser Weg und unser Ziel sollen sein: "Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln!" (Gal.5,25)

 

 

 

 

 

 

Weiterer Artikel zum Thema beim Bibelbund:

https://bibelbund.de/2015/12/worueber-die-meinungen-geteilt-sein-koennen/ (abgerufen 10.01.2016)